„Sambizanga“ online

„Sambizanga“, einer der bekanntesten Filme über den antikolonialen Befreiungskampf in Angola, ist seit Januar auf YouTube zu sehen. Der Film entstand 1972 und handelt von der Angolanerin Maria Xavier, die sich auf die Suche nach ihrem von der kolonialen Geheimpolizei verschleppten Mann Domingos macht. Die Regisseurin, Sarah Maldoror aus Guadeloupe, hatte enge Verbindungen zum antikolonialen Widerstand in Angola und konnte Mitglieder angolanischer und kongolesischer Befreiungsbewegungen als Laiendarsteller/innen gewinnen:

http://www.youtube.com/watch?v=TVXWIBmjkSg

Offener Brief zu Polizeigewalt bei der Demonstration im Gedenken an den 7. Todestag von Oury Jalloh

Wir verurteilen hiermit aufs Schärfste das massive gewalttätige Vorgehen der Polizei bei der Demonstration im Gedenken an Oury Jalloh in Dessau am 7. Januar 2012. Darüber hinaus fordern wir eine lückenlose Aufklärung der Verstrickungen staatlicher Institutionen in die Vertuschung und Beförderung rechter Gewalttaten bzw. rechter Tendenzen in der Polizei.

Bei der friedlichen Demonstration in Gedenken an den 7. Todestag des in Polizeigewahrsam in Dessau verbrannten Afrikaners Oury Jalloh kam es am Samstag den 07.01.2012 zu heftigen Gewaltausbrüchen von PolizeibeamtInnen. Zahlreiche DemonstrantInnen wurden durch Schläge und den Einsatz von Pfefferspray verletzt. Die führenden Aktivisten der Oury-Jalloh-Kampagne Komi Edzro, Mbolo Yufanyi und Mouctar Bah gerieten besonders ins Visier der Beamten. Mouctar Bah, Initiator der »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh«, wurde mehrmals von der Polizei in Gesicht und auf den Kopf geschlagen bis er schließlich bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, wo er stationär behandelt wurde.

Die Polizei begründete die gewalttätigen Eingriffe damit, dass die Verwendung des Begriffs »Oury Jalloh, das war Mord« einen Straftatbestand darstelle. Bereits im Vorfeld der Demonstration hatten Beamte Herrn Bah als Anmelder der Demonstration aufgesucht und ihm gedroht, dass er für jegliche Verwendung des Wortes Mord im Zusammenhang mit dem Fall Oury Jalloh zur Verantwortung gezogen werde. Diese Vorgehensweise der Polizei entbehrt jeglicher juristischen Grundlage. Wie die Mitteldeutsche Zeitung (MDZ) schreibt, hatte bereits im Jahr 2006 das Magdeburger Oberverwaltungsgericht mit Verweis auf die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit entschieden, dass dieser Satz keine Beleidigung, Verleumdung oder ähnliches darstelle (MDZ, 09.01.2012). Auf die Aufforderung der vor Ort anwesenden Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, Prof. Dr. Fanny-Michaela Reisin, konnte keiner der anwesenden PolizistInnen einen gerichtlichen Beschluss in der Sache vorlegen.

Dieser willkürliche und brutale Übergriff von PolizeibeamtInnen ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass auch in Deutschland selbst grundlegende Rechte – insbesondere gegenüber Schwarzen Menschen – oftmals vollständig ignoriert werden.

Der Fall Oury Jallohs selbst kann als Präzedenzfall dafür herangezogen werden, wie Polizei und Justiz Hand in Hand dafür sorgen, dass Polizeigewalt vertuscht wird und straflos bleibt. Dies erkannte auch der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff in seiner Urteilsbegründung zum Fall Oury Jalloh, die mit einem vorläufigen Freispruch der beschuldigten Beamten endete. „Das hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun“, sagte er und beschwerte sich über fehlerhafte Ermittlungen und offensichtliche Falschaussagen von als Zeugen einberufenen Polizeibeamten (AFP, 07.12.2008). Da der Bundesgerichtshof die Urteilsbegründung und Beweisführung ebenfalls anzweifelte befindet sich der Fall derzeit in Revision. Das Vorgehen der Polizei bei der Demonstration am 07.01. gegenüber den führenden Aktivisten der »Initiative im Gedenken an Oury Jalloh«, die eine vollständige Aufklärung des Falles fordert, lässt sich vor diesem Hintergrund nur als Einschüchterungsversuch interpretieren.

Hinzu kommt, dass schon in der Vergangenheit gerade das sehr bedenkliche Verhalten der Dessauer Polizei und des Staatsschutzes in Sachsen-Anhalt rechte Gewalttaten deckte und damit förderte. Schon vor dem Fall Oury Jalloh war das Dessauer Polizeirevier polizeiintern in Kritik geraten, weil es vor allem Schwarze Menschen schikanierte. Um einen Imageschaden zu vermeiden, wurde das Revier angewiesen, »das polizeiliche Vorgehen gegen MigrantInnen auf ein Notwendiges« zu beschränken. Ermittlungen gegen Beamte folgten nicht. Auch die so genannte »Staatsschutzaffäre« in Sachsen-Anhalt im Jahr 2007 lässt an einem ernsthaften Aufklärungsinteresse rechter Gewalttaten zweifeln. Damals hatte Dessaus Polizeivizepräsident Hans-Christoph Glombitza in einer Besprechung drei Staatsschützern mitgeteilt, dass sie ja »nicht alles sehen« müssten. Die durch ihre Ermittlungserfolge im neonazistischen Milieu bekannt gewordenen rechten Umtriebe in Dessau würden das Sicherheitsbedürfnis der Menschen empfindlich stören und auch kein gutes Licht auf das Land Sachsen-Anhalt werfen.

Anstatt das Land durch Vertuschung vor angeblichen Imageschäden schützen zu wollen, ist es an der Zeit politisch sowie juristisch alle möglichen aufklärenden Maßnahmen zu ergreifen. Angesichts der sich wiederholenden Skandale um Polizei und Verfassungsschutz, zuletzt ihre Verstrickungen im Fall des Nationalsozialistischen Untergrundes, müssen sich die staatlichen Institutionen dem verstärkten Eindruck einer Zusammenarbeit von staatlichen Akteuren und Neonazis entschieden entgegenstellen, wollen sie nicht jegliche demokratische Glaubwürdigkeit verlieren.

Wir fordern Justiz, Polizei und das Innenministerium von Sachsen-Anhalt, sowie sämtliche Politiker_innen in Bund und Ländern zu einer vollständigen Aufklärung von Polizeigewalt auf. Die Straflosigkeit von Polizeibeamten in Deutschland muss ein Ende haben. Wir fordern unabhängige Ermittlungskommissionen sowie ein Ende von Rasterfahndung und anderen rassistisch begründeten Schikanen!

In diesem Sinne: Brecht das Schweigen! (Slogan der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V.)

Initiative »Faites votre jeu!«

Aktionsbündnis gegen Abschiebungen Rhein-Main

frankfurt postkolonial

Solidarität mit der Senegalesischen Vereinigung

Im November 2011 hat die Stadt Frankfurt entschieden, dass das Afrikanische Kulturfest 2012 nicht mehr im Rödelheimer Solmspark stattfinden darf. Die Senegalesische Vereinigung, die das Fest seit sechs Jahren veranstaltet, nimmt an, dass die Begründung der Nicht-Genehmigung (angebliche Beschwerden von Anwohner/innen) nur vorgeschoben ist. Das Afrikanische Kulturfest ist nicht zuletzt ein Forum für antirassistische Kritik. In den vergangenen Jahren hat es Fälle rassistischer Gewalt und auch das Mitwirken staatlicher Institutionen wie der Polizei an Rassismus und Diskriminierung thematisiert. Solche Veranstaltungen im Rahmen des Kulturfests hat die Stadt Frankfurt bereits in der Vergangenheit von der Förderung ausgenommen. Und schon 2010 hatte ein Referent des Kulturamts angedeutet, dass das Fest wegen „Kritik an der Staatsgewalt“ zukünftig nicht mehr genehmigt würde.

Wir unterstützen die Forderung der Senegalesischen Vereinigung nach einem angemessenen Ort für das Afrikanische Kulturfest 2012. Angemessen kann nur ein Ort sein, der es ermöglicht, das Fest innenstadtnah, in der Größenordnung der Vorjahre und entsprechend ihrer programmatischen Vorstellungen zu realisieren. Die Senegalesische Vereinigung hat mit dem Afrikanischen Kulturfest ein bedeutendes Forum für kulturellen Austausch und antirassistische Kritik geschaffen, das Unterstützung verdient, nicht Behinderung. Die Ausnahme politischer Programminhalte von der städtischen Förderung verurteilen wir als einen Versuch des Kulturamts, mittelbar Einfluss auf die Programmgestaltung auszuüben.

frankfurt postkolonial, im Januar 2012

Bezirksausschuss von Trudering lehnt Zuschuss ab – Kein Nachdruck der Broschüre »Münchens Kolonialviertel«

Der Bezirksausschuss Trudering-Riem (BA 15) hat mit “interessanten” Argumenten einen Antrag des Nord Süd Forum München e.V. für die Finanzierung des Nachdrucks der Broschüre zu Münchens Kolonialvierteln abgelehnt.

Offener Brief des ersten Vorsitzenden des Nord Süd Forum München e.V., Heinz Schulze, an den BA 15

Bericht über die entsprechende BA-Sitzung im Münchner Wochenanzeiger

 

Mythen vom Chinesen-Maier

Der brutale Krieg einer multinationalen Kolonialarmee in China 1900/01 wurde als zivilisatorische europäische und nationale Mission bejubelt. Die Vereine der Kolonialkriegsveteranen spielten noch Jahrzehnte nach Verlust der Kolonien eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung sowohl militärischer Mythen als auch kolonialer Propaganda.

Von Martin W. Rühlemann [muc]

„Der Chinesen-Maier hat Geburtstag“ war die Überschrift eines Artikels im Münchner Merkur am 21. März 1964. Dass der von seinen Freunden so betitelte „rüstige alte Herr“ aus dem Münchner Westend an der Niederwerfung des Boxeraufstandes in China teilgenommen hatte und nun seinen 85. Geburtstag feierte, stand dort weiter zu lesen. 1900/01 kämpfte er als junger Mann in der bayerischen Abteilung des 4. Ostasiatischen Infanterie-Regiments an der Seite einer multinationalen Kolonialarmee: „der Amerikaner, der Franzos’, der Japanes’, der Türk’ und der Engländer“ waren an dieser Streitmacht beteiligt, erzählte der „einstige Chinakrieger“ und spätere Münchner Bezirkskaminkehrermeister, was den Autor des Münchner Merkur an „eine Art vorzeitiger UN“ denken ließ.

Mission: christliche Expansion

Tatsächlich hatten sich 1900 etliche Kolonialmächte – darunter auch Russland, Italien und Österreich-Ungarn – verbündet, um China mit einem für diese Zeit neuartigen multinationalen Militäreinsatz zu zwingen, sich entsprechend der westlichen Vorstellungen und Regeln zu verhalten. Die imperialistischen Mächte Europas hatten sich im „Kampf für die Sache der Zivilisation und des Christentums“ vereinigt gegen „fremdenfeindliche Boxer und Chinesen“, so lautete die zeitgenössische Propaganda. Der Name „Boxer“ leitet sich von einer Gruppe ab, die an die Traditionen verschiedener
Faustkampfschulen anknüpfte.

Das chinesische Kaiserreich war keine Kolonie im klassischen Sinne, vielmehr sicherten sich die verschiedenen Kolonialmächte ihren Einfluss durch kleine Stützpunktkolonien. Schon 1889 war die Deutsch-Asiatische Bank gegründet worden. Den Zugang zum chinesischen Markt sicherte sich das Deutsche Reich 1897, als deutsche Truppen die nordchinesische Bucht von Kiautschou mit dem Hafen Tsingtau besetzten und die Region formal für 99 Jahre pachteten. Die 50-Kilometer-Zone um die Bucht wurde später zur „Musterkolonie“ erklärt. Die Inbesitznahme der neuen Kolonie traf in Deutschland auf breite Zustimmung. Damit erklärte die Abteilung München der Deutschen Kolonialgesellschaft etwa auch den Anstieg ihrer Mitgliederzahlen 1897/98.

Boxerkrieg 1900/01

Seit Sommer 1898 nahmen die Spannungen unter der bäuerlichen Bevölkerung Nordchinas zu. Hungersnöte und Auflösungsprozesse der traditionalen chinesischen Gesellschaftsordnung, vorangetrieben durch aggressive christliche Missionierung führten dazu, dass sich ab 1899 die soziale Bewegung der Boxer schnell in einigen Provinzen Nordchinas ausbreitete.Sie richtete sich hauptsächlich gegen die wirtschaftliche Betätigung von Nicht-Chinesen, aber auch gegen Chinesen christlichen Glaubens. Dem Widerstand der bäuerlich geprägten Boxerbewegung gegen die Kolonialmächte schloss sich, nach anfänglichem unentschlossenem Vorgehen gegen die Aufständischen, auch die chinesische Regierung am 21. Juni 1900 an.

Demütigungen und Massaker

Die folgende 55-tägige Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking durch Boxer und chinesische Soldaten dauerte bis zum 14. August. Nachdem Peking erobert, in einer Gewaltorgie geplündert und ganze Stadtviertel niedergebrannt worden waren, begannen die multinationalen Truppen militärische Strafexpeditionen gegen die Bevölkerung durchzuführen. Grobe Schätzungen gehen von 100.000 Menschen aus, die allein in Peking getötet worden sind. Der kaiserliche Hof hatte
Peking verlassen und die chinesische Armee die Kampfhandlungen eingestellt. Graf von Waldersee, der deutsche Oberbefehlshaber der internationalen Armee, forcierte ab September die Strafexpeditionen, um Mitglieder der besiegten Boxer aufzuspüren. Bei den Expeditionen wurden ganze Städte und Dörfer niedergebrannt, in den schlimmsten Fällen endeten sie in Massakern. An 35 von 53 Militärexpeditionen, die zwischen Dezember 1900 und Mai 1901 stattfanden, nahmen ausschließlich deutsche Truppen teil, die von der chinesischen Bevölkerung als besonders brutal und grausam wahrgenommen wurden. Im September 1901 musste die chinesische Regierung dann einen Vertrag unterzeichnen, der neben demütigenden Regelungen auch hohe Entschädigungszahlungen an die beteiligten acht Staaten vorsah.

Heimatfront

„Der Kampf mit den Boxern war sehr hart“, erinnerte sich der Münchner „Chinakrieger“ 1964. Als letzte Andenken präsentierte er einen „winzigen Schuh” und „eine verblichene chinesische Geldbörse und eine Schärpe“.Das deutsche Ostasiatische Expeditionskorps bestand aus Freiwilligen des Heeres, die zusammen mit Marinesoldaten und in der deutschen Kolonie Kiautschou stationierten Soldaten über 20.000 Mann der knapp 90.000 alliierten Soldaten ausmachten. Die Anzahl der Freiwilligen war angeblich weit größer als der Bedarf gewesen. Die sozialdemokratische Münchener Post behauptete allerdings, dass viele Soldaten des bayerischen Bataillons sich nicht freiwillig gemeldet hätten, was zu empörten Angriffen gegen die „vaterlandslose Presse“ führte. Ebenso wurden die ersten Berichte über Plünderungen der multinationalen Truppe während der Rekrutierungsphase im Juli aufgeregt zurückgewiesen: „denn es ist bei der deutschen Disziplin […] völlig ausgeschlossen, dass deutsche Mannschaften an solch ehrlosen Treiben theilgenommen haben! […] Sollte sich die Meldung der Plünderung Tientsins bestätigen, dann wäre das Ansehen der
‚zivilisirten’ Mächte auf das Schwerste geschädigt“, stellten die Münchener Neuesten Nachrichten (MNN) am 25. Juli 1900 fest.

Ausverkauft! Ein Volksfest der Kriegsbegeisterten

Die Verabschiedungen der deutschen Soldaten waren überschwänglich gefeierte nationale Ereignisse. Die Züge, die die künftigen „Kolonialkrieger“ aus ganz Deutschland in die Hafenstädte brachten, waren mit rassistischen Karikaturen von Chinesen und Aufschriften wie „Pardon wird nicht gegeben!“ oder „Li Hungtschang Du ahnst es nicht!“ versehen. In München sorgte der von Kapellen begleitete Marsch des bayerischen Bataillons von der Max-II-Kaserne zum Laimer Bahnhof am 3. August um zwei Uhr morgens für einen nächtlichen Volksauflauf. Nach einem Bericht der MNN säumten Menschenmassen mit Laternen den Weg, alle Gasthäuser auf dem Weg waren dicht mit Gästen besetzt und im „Kurgarten“
wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Die Menge verabschiedete die „Chinakrieger“ am Laimer Tunnel. Am Bahnhof selbst waren Eintrittskarten für 1.300 Personen ausgegeben worden, die die Abfahrt des Sonderzuges mit 40 Wagons nach Bremerhaven bejubelten. Passend zur Kriegsbegeisterung publizierte der Münchner Bruckmann-Verlag ein Album mit Porträts der Offiziere und Ärzte des bayerischen Kontingents, das für zwei Mark in allen Buchhandlungen zu erwerben war. Des Weiteren wurde ein „Bayerisches Hilfskomitee für Ostasien“ ins Leben gerufen, um die deutschen Truppen in China durch reichhaltige Spenden zu unterstützen.

Lyrikpropaganda

Auch der Münchner Stadtarchivar Ernst von Destouches begeisterte sich in seinem Gedicht „Die China-Heerfahrt“ für die koloniale Sache. Er dichtete den Kriegszug als heilige, christliche Mission. Überhaupt scheint die Beteiligung bayerischer Soldaten an dem Kriegszug einige Zeitgenossen zum Dichten animiert zu haben. Felix Dahn, Erfolgsautor aus Hamburg, versuchte nach Meinung von Yixu mit dem Gedicht „Bayerischer Hunnenbrief“ den Sieg des Deutschen Reiches im deutsch-französischen Krieg 1870 bei Sedan „nach China zu verpflanzen“. „Der bescheidene Beitrag der deutschen Streitkräfte […]“, so Yixu, „wurde in der Populärliteratur zu einer zweiten Sedan-Schlacht aufgebauscht, so dass die Aura eines großartigen militärischen Triumphes Deutschlands Taufe als Kolonialmacht umgab.“ Kritik an der menschenverachtenden Kriegsführung des deutschen Militärs gab es von sozialdemokratischer Seite. Ab August 1900 veröffentlichte der Vorwärts Briefe deutscher Soldaten an ihre Angehörigen, die auch das äußerst brutale Vorgehen gegen chinesische Gefangene und Zivilisten schilderten. Etliche Redakteure sozialdemokratischer Zeitungen, in denen die sogenannten „Hunnenbriefe“ erschienen, wurden angeklagt und auch verurteilt.

Der Kampf mit dem Iltis

Die Berichterstattung über China war schon vor dem Krieg geprägt von negativen Stereotypen und Klischees, die ein europäisches Überlegenheitsgefühl und Rassismus zum Ausdruck brachten. Die Auswertung von Feldpostbriefen aus China bestätigt, dass viele deutsche Soldaten schon fertige Bilder wie etwa das vom verschlagenen und hinterlistigen Chinesen mit sich herumtrugen. Auch das Reden von der „gelben Gefahr“ stammt aus dieser Zeit, weckte das riesige Land mit der großen Bevölkerung doch Begehrlichkeiten als ökonomisches Expansionsgebiet und Ängste zugleich. Einige Ereignisse des Krieges wurden zu ruhmvollen, heldenhaften Taten deutscher Soldaten verklärt: Am Angriff auf die den Zugang nach Peking sichernden „Dagu-Forts“ an der Küste am 17. Juni 1900 beteiligte sich das deutsche Kanonenboot „Iltis“. Die Eroberung der Festung wurde im Deutschen Reich euphorisch gefeiert und es gab seitenlange Berichte über die Rolle des Kanonenbootes bei den Kämpfen. Noch heute loben rechte Kreise die Eroberung als nationale Heldentat. In München-Trudering erinnern seit 1933 die Taku-Fort-Straße und die Iltisstraße an die deutsche Beteiligung, wobei die Erläuterung der Iltisstraße später offiziell geändert wurde: Heute ist sie nach dem „heimischen Raubtier Iltis aus der Familie der Marder“ benannt.

„The Germans To The Front!“

Ein weiterer Mythos des Boxerkriegs war der angebliche Ruf des britischen Admirals Seymour: „The Germans To The Front“, der in Deutschland so interpretiert wurde, als sei das deutsche Truppenkontingent wegen besonderer Tapferkeit nach vorne beordert worden. Tatsächlich versuchte eine multinationale Einheit unter britischer Führung im Juni 1900 Peking vorzustoßen, musste sich aber bald zurückziehen. Erst der Befehl zum Umdrehen beförderte vermutlich die deutschen Soldaten an die Spitze. Vor allem das massenhaft reproduzierte Gemälde „The Germans To The Front“ (1902) von Carl Röchling als Postkarte verbreitete in den Folgejahrzehnten die Deutung des Befehls als Anerkennung des Mutes und der Bestätigung des deutschen Strebens nach „Weltgeltung“ durch das mächtige britische Empire. Besonders im Zuge des Kampfes gegen die sogenannte „Kolonialschuldlüge“ in den 1920er Jahren wurde das Bild wieder aktuell.

Die „Kolonialschuldlüge“

In den Jahren der Weimarer Republik sank zwar die Mitgliederzahl kolonialer Gruppen, aber dennoch hielten sie eine erstaunliche Aktivität aufrecht. Erklärbar ist dies nur vor dem Hintergrund der populären Kampagne gegen die sogenannte „Kolonialschuldlüge“ und für die Rückgabe der „geraubten“ Kolonien. Deutschland musste im Versailler Vertrag 1918 alle Kolonien abgeben, mit der Begründung, das Land hätte sich als unfähig zum Führen von Kolonien erwiesen. Zudem herrschte Deutschland grausam und schlecht in den Kolonien. Vor allem den Vorwurf, die Deutschen wären nicht fähig gewesen, Kolonien zu betreiben, empfanden weite Kreise der Gesellschaft als Demütigung. Zur Widerlegung der Vorwürfe erschienen in den 1920er Jahren zahlreiche Publikationen, Romane, Erinnerungsbücher oder Filme, die ein idyllisches Bild der grausamen Kolonialherrschaft zeichneten. Diese massive Propaganda prägte in
Folge lange das Selbstbild der Deutschen als „gute Kolonisatoren“.

Münchens Kolonialkrieger – Münchens Kolonialstraßen

Die ehemaligen Kolonialsoldaten trugen nicht unwesentlich zu dieser Propaganda bei. Die „Kriegerschaft“ war eine der aktivsten Organisationen in München. Sie pflegte nicht nur Erinnerungen an die Kolonialkriege, sondern engagierte sich auch für die Rückgabe der Kolonien und popularisierte weiterhin koloniale Phantasien. 1926 feierten die ehemaligen „Kolonialkrieger“ im Rahmen eines Kolonialgedenktages ihr 25-jähriges Bestehen in Anwesenheit des bayrischen Innenministers und Polizeipräsidenten. Die Ansprache hielt am Abend der berüchtigte Kolonialveteran und „Chinakrieger“, Freikorpsgründer und Putschist Ritter Franz Xaver von Epp in seiner Funktion als Ehrenpräsident der „Kriegerschaft deutscher Kolonialtruppen München“. An den Gedenktagen, die die „Kolonialkrieger“ veranstalteten, nahm immer viel Prominenz teil und auch wenn die einzelnen Organisationen zahlenmäßig nicht besonders stark waren, hatte die koloniale Bewegung doch einen beträchtlichen gesellschaftlichen Einfluss: Die Benennung von Straßen und Plätzen in unzähligen deutschen Städten nach Namen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in den 1920er Jahren erfolgte beispielsweise nicht zuletzt durch anhaltenden Lobbyismus der kolonialen Gruppen. In München wurden ab 1925 Straßen mit Namen der „verlorenen“ Kolonien und nach Kolonialpolitikern und -militärs versehen, zuerst im Münchner Westen und 1932 in München-Zamdorf. Mit der Ehrung von grausamen Kriegsherren wie Hans Dominik
oder Hermann von Wißmann wurde der positive Blick auf koloniale Machtverhältnisse offiziell festgeschrieben.
Der Einfluss der Kolonialrevisionisten zeigte sich auch anlässlich der kolonialen Straßenbenennungen
bei der Eingemeindung Truderings 1932/33. 1964 lebten außer ihm noch drei China-Veteranen in München, erzählte der „Chinesen-Maier“. Er gehörte der Vereinigung der „Kolonial-Kameraden“ in München an. Die „Kolonialkrieger“ sind inzwischen längst verstorben. Die hitzige Debatte um die Umbenennung der Münchner „Kolonialstraßen“ vor einigen Jahren weist aber darauf hin, dass ein Bewusstsein über Deutschlands koloniale Verbrechen nach wie vor kaum verbreitet ist.<

Erschienen im Hinterland Magazin, Nr. 18, S. 63-66.

Und hier gibt es eine ausführliche Version des Artikels mit allen Belegen, Fußnoten etc.

07.12.: Demonstration jugendlicher Flüchtlinge in Wiesbaden

Unter dem Motto „Wir sind gekommen, um nicht nur zu bleiben, sondern auch mitzugestalten!“ rufen jugendliche Flüchtlinge für den 7. Dezember zu einer Demonstration für ein bedingungsloses Bleiberecht auf (17 Uhr / Wiesbaden Hauptbahnhof):

http://konferenz.jogspace.net/demonstration-2011/

07.12.: Demonstration jugendlicher Flüchtlinge in Wiesbaden

Unter dem Motto „Wir sind gekommen, um nicht nur zu bleiben, sondern auch mitzugestalten!“ rufen jugendliche Flüchtlinge für den 7. Dezember zu einer Demonstration für ein bedingungsloses Bleiberecht auf (17 Uhr / Wiesbaden Hauptbahnhof):

http://konferenz.jogspace.net/demonstration-2011/

Pressespiegel: Rückgabe von Gebeinen nach Nambia

Bei der Übergabe von Gebeinen von im Völkermord von 1904 bis 1908 getöteten Herero und Nama an eine Delegation aus Namibia kam es in Berlin zu einem Eklat. Einen Pressespiegel gibt es hier:

http://www.restitution-namibia.de

Pressespiegel: Rückgabe von Gebeinen nach Nambia

Bei der Übergabe von Gebeinen von im Völkermord von 1904 bis 1908 getöteten Herero und Nama an eine Delegation aus Namibia kam es in Berlin zu einem Eklat. Einen Pressespiegel gibt es hier:

http://www.restitution-namibia.de

Postkoloniale Kritk an „Occupy Wall Street“

Der „Occupy Wall Street“-Protest, der jüngst auch in Frankfurt adaptiert worden ist, wird in den USA und Kanada mit postkolonialer Kritk konfrontiert. Kritker_innen zufolge werden die „Occupy“-Aktionen entgegen ihrer Selbstinszenierung als „Protest der 99%“ größtenteils von weißen Männern getragen (spöttischen Beobachter_innen zufolge zu 99%), und bislang sind auch ausschließlich Weiße als Sprecher_innen in Erscheinung getreten. Außerdem ignoriert die Forderung, symbolträchtige Orte der Finanzwirtschaft zu „okkupieren“, dass viele bereits okkupiert worden sind – so befindet sich etwa die New Yorker „Wall Street“ auf einem Gebiet, das vor der Kolonisierung von Haudenosaunee und Algonquian bewohnt wurde. Weitere Kritik aus postkolonialer Perspektive zu Organisatonspraxis und Sprache der „Occupy“-Proteste fnden sich u. a. hier:

http://www.racialicious.com/2011/10/03/so-real-it-hurts-notes-on-occupy-wall-street/

http://www.racialicious.com/2011/10/11/decolonizaton-and-occupy-wall-street/

http://rabble.ca/news/2011/10/acknowledgement-occupatons-occupied-land-essental

http://mzzainal-straten.blogspot.com/2011/09/open-leter-to-occupy-wall-street.html

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